Mehr Spielzeit, intensivere Entscheidungen, mehr Atmosphäre und eine immersivere Spielerfahrung ohne Aufpreis – in fast jedem Spiel? So geht`s!
Sanft streicht der Wind durch das hohe Gras, das kaum merklich um mein neues Schuhwerk streift. Die letzten müden Strahlen der untergehenden Sonne liegen warm und rot auf den alten Ruinen, die eine längst vergangene Zivilisation einst auf diesem Hügel errichtete. Wozu dieses Mauerwerk wohl einst diente?, frage ich mich, während ich von einem bröckelnden Stein zum nächsten klettere, um ein sicheres Quartier auf der Spitze des Bauwerks zu erreichen versuche. Mühevoll forscht mein Blick im dämmernden Zwielicht nach einem Weg die tiefrote Wand hinauf – Vorsprünge, Efeu und von der Zeit und dem Wind gefressene Rinnen dienen meinen Fingern als Halt, bis ich mich auf die oberste Plattform hinaufziehe und den Blick in die Ferne schweifen lasse.
Der rote Schimmer weicht langsam der Dunkelheit, die das grüne, frühmittelalterliche Land nun endgültig zu verschlingen droht. Die letzten Augenblicke des vergehenden Tages nutze ich, um in der Ferne Dörfer, Gehöfte und weitere römische Überreste zu erspähen – alles Möglichkeiten, die es wahrzunehmen gilt, wenn mein Stamm in diesem fremden Land erfolgreich Fuß fassen will. Nach einer bedächtigen Ruhe suchen meine müden Augen im kargen Mondschein einen zumindest mäßig komfortablen Platz zum Meditieren – zu gefährlich, trotz meiner erhabenen Position, die Augen gänzlich zu schließen. Ich beginne, das warme Bett im heimischen Langhaus zu vermissen, doch ist mein Auftrag zu wichtig, um ihn hinter Bequemlichkeiten anzustellen. So vergeht die Nacht, während ich mich konzentriert sammle, um neue Kraft zu schöpfen, denn am nächsten Tag gilt es, mich weiter auf die Reise durch die Ortschaften zu machen, die ich im fahlen Schein des Mondes erblickt hatte.
Endlich Innovation in Assassin`s Creed?
Eher hätte ich schnell trabend Schlachten um Wessex, Plünderfahrten mit den angeheuerten Wikingern oder einen der vielen Kämpfe gegen die ehemalige Drengr Ragnar Lothbroks schildern können – doch ein Großteil meiner Spielerfahrung mutete eher wie eine lange und geruhsame Reise durch die üppigen Felder Englalands an. So schaffte ich es, der erdrückenden, unsichtbaren Checkliste der viel kritisierten Ubisoft-Formel zu entfliehen, viel mehr Atmosphäre zu saugen um mich noch besser in der Welt verorten zu können und schließlich meinen eigenen Weg zu gehen.
Die Betonung soll hierbei bewusst auf „gehen“ liegen. Zu lange rannte ich blind durch die malerischsten Open-Worlds, stets das nächste Ziel im Kopf und den Questmarker im Blick, weder sehend noch würdigend, was alles auf meinem geradlinigen Weg entdeckbar wäre – ein Affront gegen all die emsigen Leveldesigner. Doch Rockstar änderte alles. Das Studio, welches mir eigentlich als Entwickler überzeichneter Figuren und greller Systemkritik bekannt war, erfand für mich das gesamte Genre neu – nicht das der Open-World- nein, das Genre der Videospiele im Allgemeinen. Mit Red Dead Redemption II gingen die Meister der atmenden Welten erfrischend neue Wege und zeigten mir ein Bedürfnis auf, von dem ich trotz meiner zwanzig Jahre andauernden Gamingerfahrung nicht auch nur wusste, dass ich es hatte: Entschleunigung. Welch Offenbarung es war, erstmals durch New Hannover zu reiten!

Ein noch weiterer Blick über noch weiteres Land – das auch noch unverschämt gut aussieht © Rockstar Games
Eine Einsicht die einfach alles veränderte
Mit einem Mal begriff ich, dass ich mein Leben lang „falsch“ gespielt hatte. Stets war ich gehetzt von der suggerierten Dringlichkeit der Geschichte, den Hundertschaften Questmarkern auf der Karte oder schlicht dem Verlangen, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit sehen zu wollen, durch die Welten gerannt – rast- wie ruhelos. Kaum war es mir möglich, die liebevoll designten Umgebungen zu achten und alles, was mich umgab, in mir aufzunehmen – vielmehr hechelte ich, stupide sprintend lediglich dem nächsten Marker der Begierde nach. Doch auf einen Schlag war alles anders.
Nicht hetzte ich Arthur Morgan durch den malerischen Westen eines noch ungezähmten Landes, vielmehr bemerkte ich, dass unentwegt etwas auf der Leinwand vor mir geschah. Jedes Geräusch, sei es ein Vogelgezwitscher oder das dampfende Stampfen einer eisernen Zugmaschine, hatte einen Ursprung. Jedes gebaute Haus hatte einen Bewohner (oder zumindest einen ehemaligen), jedes Lagerfeuer einen logischen Grund. Selbst all die anfänglich unnütz erscheinenden und gar überfordernden Details ergaben nach einiger Zeit ein Gesamtbild, ein Konzept, welches ich nur als Meisterwerk zu beschreiben vermag. Nun könnte freilich argumentiert werden, dass Rockstar Games ihren Namen nicht umsonst tragen – doch selbst in herkömmlichen Spielwelten war ich nach dem Lernen des Achtsamen Spielens überrascht, wie sinnvoll die meisten von ihnen aufgebaut sind und wie viel mehr ich aus den nun entschleunigten Spielen für mich mitnehmen konnte.
Nicht nur, dass ich mit geruhsamen Spaziergängen durch die virtuellen Welten mehr Spielzeit für mein Geld bekomme, auch der Spielspaß ist nach einiger Eingewöhnung um einiges höher. Das Spielgeschehen war auf einen Schlag viel realistischer, viel nahbarer, da mein Held sich nun verhielt wie jeder normale Mensch außerhalb und jeder NPC innerhalb der Spielwelt es tat. Niemand rennt den gesamten Weg zum Einkaufen oder springt behände über Mauern oder natürliche Hindernisse, nur um zehn Sekunden eher am Ziel zu sein. Außerdem blieb nun viel mehr Zeit, die es zu füllen und zu nutzen galt. Nicht mehr jagte ich stupide und genervt unnatürlich pulsierenden in der Spielwelt nach – ich hatte Zeit, mich viel mehr in die jeweilige Rolle einzufinden.
Kaum ein Gedanke an die kommende Quest oder das nächste Achievement fanden mehr Platz, stattdessen begann ich, Fragen zu stellen: Wo und wann sollte ich mein Nachtlager aufschlagen? Möchte ich wirklich in diesen Abgrund hinabspringen? Hatte dieser oder jener Gegner mir tatsächlich etwas getan? Möchte ich mich wirklich in diesen oder jenen Konflikt einmischen? Wer bin ich eigentlich und wer möchte ich sein? Warum hat wer gerade hier eine Siedlung errichtet, wie sah diese Ruine wohl vor hunderten Jahren aus und wie würde wohl diese oder jene Figur darüber denken? So gab ich den meist mühe- und liebevoll designten Umgebungen die Möglichkeit, mir mehr über sich zu erzählen. Auch wenn vielleicht vieles davon nur in meinem eigenen Kopf stattfand, saugte ich wesentlich mehr Atmosphäre in mich auf als zuvor, nahm mehr Deatils war, die das Geschehen greifbarer machten und fand mich, da ich sie länger studiert hatte, auch wesentlich besser in den Umgebungen zurecht ohne die Karte zurate ziehen zu müssen. So beschäftigte ich mich viel eingehender mit den Locations, den Figuren und der Geschichte anstatt mit der Karte und konnte auch nach längerer Pause viel schneller wieder in das Spiel einsteigen, da viel mehr auch tatsächlich in meinen Hirnwindungen hängen geblieben war. Darüber hinaus konnte ich mich so trotz der Actionhaltigkeit vieler der Open-World-Aktivitäten ungemein entspannen.
Ist es wirklich so einfach?
Doch muss ich gestehen, dass der Umstieg kein leichter war und dass auch ich mich noch ab und an dabei ertappe, nur stumpf auf das nächste Ziel zuzurennen. Immer wenn dies geschieht, versuche ich mich darauf zu besinnen, was wirklich zählt: der Spaß und die Konfrontation – und beide sind auf achtsame Art so viel höher. Denn ich steigerte ein Kernelement des Spielens: die Immersion. Wenn die Grenzen zwischen Spieler und Spielfigur zu verschwimmen beginnen, gibt dies allem, was um den Charakter herum passiert, viel mehr Gewicht. Die Geschichte hat es viel einfacher, mich emotional zu packen, die Entscheidungen sind viel tiefgreifender, da ich noch mehr derjenige bin, der sie fällt, und ihre Auswirkungen treffen auf mich als Spieler somit viel intensiver.
Eine Spaßschraube für jedes Spiel?
Leider nein. Selbstverständlich kann man diese Art des Spielens nicht in jedem Titel zur Anwendung bringen. Ein Dota 2 mit Freunden oder eine Runde Battlefield endet so tendenziell eher im Blutvergießen, als wenn man gemütlich in Red Dead am Lagerfeuer oder in Cyberpunk vor dem Fernseher sitzt. Tendenziell funktioniert das Achtsame Spielen besonders gut in Rollenspielen, deren Anspruch es ohnehin bereits ist, uns in eine Rolle und eine Welt hineinzuziehen. Doch selbst ein Assassins Creed, welches nun gar nicht darauf ausgelegt ist, „begangen“ zu werden, funktioniert trotz seiner schwachen Figuren und lächerlich öden Fetch-Quests auf achtsame Weise erstaunlich gut. Gerade jene belanglosen Aufgaben bieten so zwar eine langwierige Erfahrung, doch ein viel belohnenderes Gefühl, etwas geschafft zu haben. Dazu gibt es in den meisten Spielen die Möglichkeit, eben jene Immersion zu steigern, indem man möglichst viele HUD-Elemente einfach ausblendet. Lange schon spiele ich ohne Schadenszahlen, Lebensbalken, Minimap oder Questmarker.
Höchstens einen Kompass nehme ich schweren Herzens in Kauf, da die meisten Spiele schlicht nicht dafür designt wurden, ohne Einblendungen den richtigen Pfad zu finden. Oh Morrowind, was ich dich doch vermisse!
Der schmale Grad zwischen Immersion und Bequemlichkeit
Gerade ein Assassins Creed nutzt hier einen Kniff, den ich für einen der meist unterschätzten Gameplayneuerungen der letzten Jahre halte: der fliegende Begleiter. Nicht mehr reißt uns ein Menü aus dem unmittelbaren Spielgeschehen, nein. Auf Knopfdruck können wir zu unserem treuen Freund hinauf wechseln und sehen somit nicht nur die einzuschlagende Richtung, sondern auch, welche Hürden es auf dem Weg zum Ziel zu nehmen gilt – etwas, dass uns die meisten Ingame-Maps nicht derartig veranschaulichen können. Außerdem gibt uns das Spiel damit mehr Möglichkeiten, die zusätzliche Zeit des achtsamen Spielens zu nutzen: Welchen Weg wollen wir gehen? Was wären sinnvolle Alternativrouten? Wo können wir gefahrlos rasten? Dabei liegt es selbstverständlich an uns, einen für uns stimmigen Grad zwischen Immersion und Bequemlichkeit zu wählen – ein Schmaler, der es Rockstars Western-Epos bei vielen Spielern schwer gemacht hatte. Doch in den meisten Spielen steht es dir frei, werter Leser, dich zu entscheiden, wie weit du es mit der Immersion und der Achtsamkeit treiben willst – bei jedem einzelnen Spiel.
Ein Appell
So appelliere ich hoffnungsvoll an dich, der achtsamen Art des Welten-Entdeckens die Chance zu geben, sich zu beweisen. Ja, anfänglich mag die Umgewöhnung schwierig, ermüdend oder gar frustrierend sein, da sich all die unsichtbaren Fortschrittsbalken langsamer füllen. Doch dies liegt weniger am achtsamen Spielen als vielmehr an den alteingesessenen Seh- und Spielgewohnheiten. Doch nach einer gewissen Zeit, und hierbei gebe ich dir mein Wort, wirst du Dinge entdecken, kleinere wie auch größere, die dich unweigerlich tiefer in die Welt hineinziehen, alsbald nicht mehr freigeben und deiner Spielerfahrung mehr Wirkung und Gewicht verleihen. So es dir gelingt, deine alte Normalität des Spielens zu überschreiben und mit der Achtsamen zu ersetzen, bist du keine Geisel des Loot- und Fortschrittwahnsinns mehr, nicht mehr im Hamsterrad der Formelhaftigkeit gefangen. Es wird dir möglich sein, nicht mehr nur zu schauen, sondern zu sehen.


