Eigentlich war Hogwarts Legacy für mich besser als erwartet. Seine größte Stärke riss aber gegen Ende alles wieder ein, was Avalanche zuvor aufbaute.
Salt Lake City, Utah – In dem picke-packe-vollem Releasejahr haben viele wohl bereits vergessen, dass auch Hogwarts Legacy 2023 erschienen ist. Im Frühjahr konnten die Potter-Heads unter uns sich einen Kindheitstraum in Erfüllung gehen lassen: Endlich durch die gotischen Gänge des magischen Schlosses und somit auf den zukünftigen Spuren von Harry, Ron und Hermine wandeln. Zwar gefiel mir Hogwarts Legacy besser, als ich es vermutet hatte, seine größte Stärke verwandelte meinen Schulalltag aber gegen Ende in einen Irrwicht.
Hogwarts Legacy: Alles fing so gut an – Was ich richtig toll fand
So betrat ich erstmals selbst das Zauberschloss: Als Kind der 90er und dementsprechend ehemals gigantischer Potter-Head freute ich mich wirklich sehr auf Hogwarts Legacy. Zwar wusste ich, dass das Team bei Avalanche Software ein solches Projekt bis dato noch nie gestemmt hatte, doch bestellte ich vor, weil mir die Keywords „Open World“ und „Hogwarts“ schon völlig ausreichten.
Ich habe eine 08/15 Spielwelt à la Ubisoft mit Potter-Skin erwartet und wurde dementsprechend positiv überrascht. Die Open World ist zwar mit ihren Aufgaben sehr repetitiv, doch macht allein das Fliegen von Spot zu Spot so viel Spaß, dass ich die kurzweiligen Aktivitäten fast so gerne anflog, wie ich sie in Spider-Man anschwang. Dazu sah das schottische Hochland auch einfach phänomenal lecker aus. Also, auf einem potenten PC.
Das Kampfsystem war außerdem erfreulich komplex, das Hinzulernen von Fähigkeiten fühlte sich authentisch und meist logisch an. So lernten wir unsere neuen Zauber meist im Unterricht oder von Schulfreunden. Auch abseits des Schlosses trieb ich mich aufgrund der traumhaften Präsentation sehr gerne herum und schwänzte dort mit Sicherheit die ein oder andere Schulstunde.
Ganz besonders in seinen Bann zogen mich aber all die liebevollen wie magischen Details. Bilder, deren Augen mir durch das Schloss folgten, Rüstungen, die im Vorbeigehen salutierten, Schüler, die an Wänden lang laufen oder einfach die beeindruckende Architektur des verheißungsvollen Zauberschlosses. Selten bin ich so in einer Spielwelt versunken und die ersten 20 Stunden in meinem Leben als junger Zauberschüler kann ich nur mit einem Wort beschreiben: magisch. Als ehemaliger Harry-Potter-Fan bin ich also wirklich auf meine Kosten gekommen.
Doch gerade der hohe Detailgrad schickte meinem Spielspaß gegen Ende einen so gepfefferten Heuler, dass ich nur mit sehr viel Mühe bis zum Ende dran blieb.
Hogwarts Legacy: Darum ist der Detailreichtum am Ende nur noch eine Vollkatastrophe
Weshalb die kleinen Dinge zählen: Kleine Details in Videospielen sind deshalb so wichtig, weil sie die Welten, die wir durchwandern, mit Leben füllen. Sie können durch Environmental Storytelling Geschichten erzählen, verleihen Figuren mehr Tiefgang oder lassen einfach nur die Spielwelt glaubwürdiger wirken. Denken wir nur an Red Dead Redemption II, das mit all seinen Kleinigkeiten sogar neue Geschichten erlebbar macht. Jeder, der schon einmal von der Bärenjagd blutüberströmt durch Valentine ritt, weiß, was ich meine. So wird eine detailreiche Spielwelt mit etwas Glück so lebendig, dass wir den Eindruck gewinnen, diese Welt existiere auch noch, wenn wir der Konsole den Saft abdrehen.
Wie die magischen Details das gesamte Spiel entzaubern: Genau das schafft Hogwarts Legacy nicht. Ganz im Gegenteil. Das Problem: So charmant die Ideen des Teams auch sind und so gut die kleinen Geschichten innerhalb Hogwarts und Umgebung funktionieren – sie verändern sich nicht. Das ganze Schloss bleibt statisch und spult an immer den gleichen Stellen die immer gleichen Animationen ab. Fiel ich bei den beiden Rüstungen, die sich gegenseitig zerlegen, beim ersten Mal noch vor Lachen aus dem Sessel, nervte die Mini-Story beim 20. Mal einfach nur. Zumal die beiden stählernen Knalltüten gleich an drei Spots im Schloss zu finden sind.
Doch sie zerstören mehr als nur sich und meine Nerven: Entwickler Avalanche beraubt mich so nicht nur der Illusion, gerade in Hogwarts zu sein, sie schreien mir geradezu ins Gesicht, dass das alles hier nur pure Kulisse ist. Die Grenzen dieser kann mir das Spiel kaum aufdringlicher auf die Nase binden. Denken wir nur an den jungen Mann, der auf dem Weg zur großen Halle an der Wand herumläuft. Das macht er jeden Tag das ganze verdammte Jahr über. Egal ob bei Regen, Schnee oder Sonnenschein. Egal ob erster oder letzter Schultag. Hat der nichts zu tun? Keine Hausaufgaben? Keine Freunde? Keine Abenteuer? Du bist in Hogwarts junge, fällt dir hier echt nichts Besseres ein?
In diesen Momenten reißt mich das Spiel mit all seiner magischen Detailverliebtheit aus dem Schloss und entzaubert all das, was diese Kleinigkeiten eigentlich mal aufbauen sollten. Eine kohärente Welt, eine spannende Erfahrung, eine magische Atmosphäre, die Simulation eines zauberhaften Schulalltags eben.
Klar könnte ich mich dann auch gleich über fehlende Stundenpläne, Schulregeln, die für alle gelten außer uns Spielenden und allgemein über die fehlende Interaktivität mit der Spielwelt beschweren – möchte das aber gar nicht tun. Dass Publisher und Entwickler bei so einer großen Produktion auf Sicherheit setzen und das Spielerlebnis für möglichst viele und nicht nur für Hardcore-Rollenspieler wie mich attraktiv machen wollen – fair enough.
Avalanche hat aber merklich so viel in all diese kleinen Details am Wegesrand gesteckt, dass es ungemein schade ist, dass diese on the long run die Erfahrung (zer)stören. Also genau das Gegenteil von dem machen, wofür sie eigentlich gedacht waren. Mich für ein paar Momente vergessen lassen, dass das alles nicht echt ist, anstatt mir immer wieder aufzuzeigen, dass das Schloss eigentlich nur in einem ewig währenden Loop gefangen ist.
Denn wenn wir uns gerade bei Singleplayer-Spielen zu oft bewusst werden, dass die Welten, die wir retten, gar nicht existieren, dann zerbricht sowohl die erzählerische Fallhöhe der Geschichte als auch die Kraft unserer eigenen Entscheidungen. Warum sollten wir uns schließlich um das Schicksal von Figuren scheren, die uns die ganze Zeit wissen lassen, dass es sie eigentlich gar nicht gibt?
Mein Ansatz für ein wahrscheinliches Hogwarts Legacy 2: Teilt die Details in Hogwarts Legacy in das bestehende Konzept der Jahreszeiten ein. Wenn der Herbst also vom Winter abgelöst wird, lösen auch neue Details die alten ab. Und schaut dabei bitte, dass sich die kleinen Animationen nicht jedes einzelne Mal abspielen, wenn ich einen Raum betrete. Besonders in den beengten Schulgängen die ich teilweise eh mehrfach am Tag durchwandere. Gerade besagte Rüstungen, die sich gegenseitig an die Panzer gehen, haben so nämlich nicht nur sich selbst, sondern auch meinen Spielspaß in Trümmer geschlagen.
Veröffentlicht bei ingame-de: https://www.ingame.de/news/spieler-salt-hogwarts-legacy-lake-city-details-zersoeren-gesamtes-spiel-wb-avalanche-wizarding-world-92703417.html






