Mit ihrem Debüt Cloudpunk traut sich der kleine Entwickler ION LANDS ins Genre des Cyberpunks. Zu jener Zeit (April 2020) war von CD-Project-Dilemma namentlich Cyberpunk 2077 noch nichts zu riechen. Auch wenn der Indie-Titel schon ein paar Jährchen auf dem Buckel hat, möchte ich einen Blick zurückwerfen.
Funkelnd, doch dunkel fallen die monströsen Häuserschluchten unter mir in unergründbare Tiefen, noch drückender jedoch der Regen darüber, der unnachgiebig prasselnd beinahe das laute Tosen der Milliardenmetropole Nevalis zu verschlucken vermag. Vor kurzem erst bin ich, Rania, von der östlichen Küste in diesen Schandfleck menschlichen Schaffens gezogen wurden. Gerade in einem solchen Drecksloch geht die Kunst nach Brot und so verdinge ich mich neuerdings nicht mehr als Musikerin, sondern als Bote. Cloudpunk war wohl der erste Arbeitgeber, den ich finden konnte und relativ schnell wird mir klar, dass dieses Unternehmen nicht nur mehr Fahrer verschluckt als jeder Tunnel jemals, es scheint auch nicht sonderlich beliebt zu sein. Bereits bei meiner zweiten Lieferung wird mir eingebläut, nicht über das Unternehmen zu reden. Was ist das hier? Amazon für Kriminelle oder ein weiterer düsterer Fight Club. Doch Geld muss her. Mein Freund, der Hund, musste seinen Körper für unsere Reise lassen und haust nun in den Eingeweiden des dreckigen Fahrzeuges, welches bereits beim ersten Blick drohte, auseinanderzufallen. Wenn es fällt, und das wird es, hoffentlich nicht während meiner Schicht. Doch die hat gerade erst begonnen und ich quäle mich durch menschlichen Abschaum, tiefste Abgründe und ewigen Regen. Willkommen in Cloudpunk.
Cloudpunk: Minimalistisches Gameplay, minimalistischer Look, riesige Atmosphäre
Während dieser erste Absatz direkt aus einem Noire-Cyberpunk-Krimi stammen könnte, erscheint mir Cloudpunk wie eine viel zu spät kommende Hommage an Ridley Scotts Blade Runner. Kaum ein Spiel, höchstens Observer oder heute Cyberpunk 2077 selbst hat je eine derart dichte Cyberpunk-Atmosphäre auf den Bildschirm gezaubert, wie dieses kleine Erstlingswerk des Berliner Entwickler IONLANDS. Dabei ist nicht nur das Erscheinungsbild, sondern auch das Gameplay äußerst simpel.
Als Kurier ist es vor allem an uns, Pakete auszuliefern und auf den Fahrten mal lustige, mal tragische, mal düstere, stets jedoch hervorragend vertonte englische Dialoge anzuhören, die uns mit den verschiedenen Figuren vertraut machen. Allem voran die enge Bindung zwischen Rania und ihrem sprechenden, elektronischen Hund haben mir mehr als einmal ein Lächeln ins Gesicht gezaubert oder mich nachdenklich gestimmt. Während Cyberpunk 2077 größtenteils „Auf-die-Fresse-Scifi“ bot und für meinen Geschmack zu selten und meist zu plump moralische Grautöne oder futuristische Gedankenspiele servierte, werden hier Figuren mit wesentlich mehr Feingefühl gezeichnet, und obwohl wir meist nur ein Standbild des Gegenübers zu Gesicht bekommen, entstehen doch erstaunlich vielschichtige Figuren und Gesprächsthemen.
Deutsche Untertitel sind zwar vorhanden, allerdings stelle ich es mir schwierig vor, gleichzeitig lesend der Geschichte zu folgen und sich durch den dichten Verkehr der Stadt zu schlängeln. Zeitlimits gibt es dafür nur selten. Als Genreliebhaber muss ich allerdings der Hauptstory vorwerfen, dass sie sich doch etwas zu typisch an einer großen Verschwörung entlanghangelt und nicht immer vollends logisch erscheint – doch gerade im Detail finden sich viele schöne Geschichten, die im Gedächtnis bleiben – aus Spoilergründen unterlasse ich an dieser Stelle das Aufzählen von Beispielen. Doch auch wenn man erzählerisch typische Genrekost serviert bekommt, ist diese stets auf sehr hohem Niveau – allen voran aufgrund der tollen Sprecher*innen.
Von Nahem sehen wir einen zielgerichteten Voxel-Stil welcher zwar eher zweckmäßig, doch stimmungsvoll daherkommt. Die meiste Zeit jedoch fliegen wir mit unserem Gefährt über leuchtende Highways, dunkle Gassen und neon-erhellte Einkaufspassagen – hier fällt die Pixel-Optik kaum noch ins Auge. Doch auch die Spaziergänge können sich sehen lassen – allem voran die Lichtstimmung ist wirklich gut gelungen. Dazu der dichte Regen, der, wie unser treuer Begleiter nie von unserer Seite weichen will und über allem der wirr flirrende Dunst aus dunklen Wolken, welche nicht auch nur einen Strahl erlösenden Sonnenlichts hindurch lassen wollen. Gerade wer die dunkle Ästhetik des Einstiegs Blade Runners mochte, kommt hier tausendfach auf seine Kosten. Dazu kommt, dass man im Spiel jeder Zeit sowohl zu Fuß als auch im Fahrzeug in die Egoperspektive schalten kann, was die Immersion logischerweise ungemein erhöht, doch auch die Bauten noch gigantischer und uns selbst noch unbedeutender werden lässt.
Cloudpunk: Das erleben der Neon-Metropole aus unterschiedlichen Perspektiven
Aus beiden Perspektiven ist das Fahrzeughandling relativ gut gelungen. Etwas langsam und träge für einen kleines Taxi, doch verursacht dies keine Umstände. Gerade aus Ego-Sicht braucht es jedoch etwas Eingewöhnung, da man mit seinem Gefährt auf und ab steigen kann und so schlecht sieht, was über oder unter einem passiert – daran jedoch gewöhnte ich mich erstaunlich schnell. Nur wenn man sich auch mal frei im Cockpit umschauen will, kommt man an einem Knoten im Finger kaum vorbei. Eine frei konfigurierbare Steuerung bleibt der Entwickler uns leider schuldig. Allein die Schnelligkeit des Gefährts ließ mich etwas verwundert zurück, sonderlich schnell fliegt es selbst auf den High Ways nicht, doch hat man so mehr Zeit den Dialogen zu lauschen oder einfach nur dichte, regengetränkte Atmosphäre aufzusaugen.
Cloudpunk: Das magere Gameplay ist die größte Schwäche des Cyber-Indies
Spielmechanisch gibt es allerdings nicht sonderlich viel zu tun. So fliegen wir von einem Nav-Punkt zum nächsten, genießen die Schauwerte und sehen zu, unser Fahrzeug nach Möglichkeit nicht zu demolieren. Verdientes Geld können wir in einige wenige Fahrzeug-Upgrades stecken, die das Gameplay allerdings nur marginal verändern. Außerdem steht es uns frei, unser Apartment zu verschönern, einen Unterschied, vom optischen Aspekt abgesehen, macht das allerdings nicht. Dazu kommt, dass sich alle Ereignisse eigentlich in einer einzigen Nacht abspielen und wir so reichlich wenig Antrieb haben, nach Hause zurück zu kehren. Hier scheint mir das Konzept nicht zu Ende gedacht.
So ist es also allem voran die Geschichte, die uns bei der Stange hält, und das tut sie hervorragend, ist allerdings auch schon nach ca. drei bis vier Stunden vorbei. Auf Sammelkram wurde leider nicht verzichtet, dieser hält sich jedoch in Grenzen und bleibt optional. Überall in der Spielwelt können wir wiederum verschiedene Dinge wie Speicherchips und Batterien finden, die wir an bestimmten Stellen nutzen können, um Fahrstühle zu reparieren, mit denen wir an neue Orte zu gelangen. Dort wartet aber nur selten Aufregendes.
Cloudpunk: Entwickler ION Lands ist bereit für baldigen Nachschlag
So lässt sich abschließend sagen, dass dieses Debüt vor allem für Story-Enthusiasten und Atmosphäre-Sauger gemacht ist, für Genre-Fans gar ein Muss. Außerdem eignet es sich hervorragend, um nach dem Feierabend schnell durchgespielt zu werden – für 19,99 Vollpreis (Steam) eine absolute Empfehlung.
Spannend bleibt, was die Entwickler aus ihrem Erstlingswerk lernen, der nächste Teil ist nämlich bereits angekündigt. „Nevalis“ wird in derselben Stadt spielen wie Cloudpunk, nur wird es dann an uns sein, einen Nachtclub in der düsteren Metropole hoch zu ziehen. Nach diesem Debüt bin ich mehr als gespannt.




